Warum Tragen?
Babys sind Traglinge – Vorfahren mussten ihre Kinder immer mit sich nehmen - zurücklassen bedeutete, sie tödlichen Gefahren auszusetzen. Erst als der Mensch sesshaft wurde, bestand die Möglichkeit, sie vorübergehend zurückzulassen. Doch hieran ist der Säugling nach wie vor nicht angepasst, die Zeitspanne -evolutionär gesehen - ist zu kurz. Auch heute gibt es noch Kulturen mit nomadischer oder halbnomadischer Lebensweise, die ihre Kinder beständig mit sich tragen müssen.
Menschliche Säuglinge wurden im seitlichen Hüftsitz getragen und nicht wie bei Schimpansen oder Gorillas frontal vor der Brust - eine Konsequenz aus dem aufrechten Gang, mit all seinen anatomischen Veränderungen. Im seitliche Hüftsitz konnte sich das NG mit dem gesamten Bein an der Mutter festklammern und sich so aktiv am Getragenwerden beteiligen.
Nach wie vor bereitet ein Säugling durch seine Bewegungsreaktion - der Spreiz-Anhock-Reaktion - aktiv den Sitz auf der Hüfte vor und ist so dem Getragenwerden nach wie vor angepasst. Auch sein Grundbedürfnis nach Anwesenheit einer Bezugsperson spricht hierfür, ist typisch für einen Tragling. Aus stammesgeschichtlicher Sicht war ein alleingelassen werden lebensbedrohlich. Nach wie vor empfindet ein Neugeborenes die Situation beunruhigend, erwacht es in einem separaten, ruhigen Raum, in dem es abgeschottet ist von allen Geräuschen und Aktivitäten der anderen Familienmitgliedern. Wird seine Aufforderung nach Anwesenheitssignalen seitens der Eltern nicht beantwortet, beginnt es zu weinen. Dieses Verlassenheitsweinen ist einen für einen Tragling verständliche Reaktion. Wird er dann aufgenommen, angesprochen, gestreichelt, leicht hin und hergewiegt, werden alle Signale vermittelt, die ihn die Anwesenheit einer Bezugsperson beweisen und seine Verlassenheitsangst nehmen.
Tragen im Tragetuch unterstützt die optimale Hüftentwicklung.
Oberschenkel werden besser durchblutet
Getragen werden bedeutet für den Säugling, dass er, über alle ihm zu Verfügung stehenden Kommunikationsmöglichkeiten, seine Bezugsperson wahrnehmen kann und damit eine intensive Bindung aufbaut
- Über Bewegungsreize (Wiegen des Kindes)
- Durch Hautkontakt: die Bedeutung des intensiven Körperkontakts gilt für die gesamte Kindheit. Ein Mangel an Körperkontaktmöglichkeiten in den ersten Kindheitsjahren wird heute mit einem geringen Körperbewusstsein in Verbindung gebracht, selbst in Erklärungen für Hautkrankheiten einbezogen
- Über den Geruch: NG können bereits wenige Tage nach der Geburt den Geruch ihrer Mutter von anderen unterscheiden
- Über Blickkontakt: Auf der Hüfte oder face-to-face Orientierung getragen, ist es dem Säugling möglich, Blickkontakt mit der tragenden Person aufzunehmen, deren Stimmung und Reaktionen an ihrer Mimik abzulesen
- Durch das Gehör: Bereits vor Geburt funktionsfähig, trägt die Wahrnehmung von bestimmten Geräuschen zum Wohlbefinden bei; in manchen NB-Stationen wurden Säuglingen Herztöne vorgespielt, die eine allgemein beruhigenden Wirkung haben. NG können bereits früh der Mutter die richtige Stimme zuordnen
© 2008 Annette Schäfer